ADHS Schüler: Die Anzahl der Diagnosen steigt!

               Die American Psychological Association (APA) veröffentlichte in ihrer vierten Ausgabe 2014 einen Artikel mit dem Titel “Is it really ADHD? [Ist es wirklich ADHS?]” (Novotney, 2014). Der Grund für diesen Artikel war ein Anstieg der ausgestellten Rezepte, der im Zusammenhang mit dem globalen Druck an die persönlicher Leistungsfähigkeit stehen soll. Ein höchst bedenkliches Signal jedoch kam dann im Winter 2011/2012, ein unerwarteter großer Ansturm auf die Medikamente führte zu einem Produktengpass bei Adderall und Ritalin.


               Ein Alarmsignal für ein Einschreiten der APA war mit unter auch die statistische Messung einer Zunahme von ADHS Diagnosen innerhalb von vier Jahren (9,5 auf 22 Prozent aller schulpflichtigen Kinder und Jugendlichen). Auch im deutschsprachigem Raum ist es nicht viel anders. Der ORF berichtete bereits im August 2015 über den Anstieg von Ritalin-Verschreibungen in den letzten zehn Jahren. Während es im Jahr 2004 noch 3.300 Mal verordnet wurde, brachten es die Verordnungen bei der Gebietskrankenkasse bereits auf einen stolze Anzahl von 11.250. Dieses bedeutet, dass in Österreich aktuell 1,4 Prozent der schulpflichtigen Kindern medikamentös behandelt werden. Nach Schätzungen sind in der Schweiz aktuell 5,0 Prozent der schulpflichtigen Kinder betroffen (Tagesanzeiger, 2015)  und in Deutschland 3,5 Prozent (Spiegel, 2015).


                Doch Medikamente sind keine Lösung für diese Störung, sie unterdrücken nur das “abnormalen Verhaltensmuster“ und machen unter beträchtlichen Nebenwirkungen, die Schüler zu eine angepassten Individuum im Unterricht und in der Gesellschaft. Das Symptom selbst ist damit nicht behoben. Die APA beschreibt die Symptome von ADHS wie folgt: (1) die Fokussierung auf alltägliche Dinge fällt schwer, (2) Routinen werden verabscheut und nicht eingehalten, (3) ihre Arbeitsplätze sind unordentlich und (4) sie überlegen selten bevor sie handeln. Es ist verständlich, dass alleine durch diese Beschreibung viele Lehrer und Allgemeinmediziner dazu tendieren ADHS zu diagnostizieren. In den 90ern war man mit diesem Verhaltensmuster einfach nur ein schlampiger Schüler, der im Unterricht nicht aufpasst und zu faul ist seine Hausübungen zu machen. Man hatte trotzdem Freunde in der Klasse und wenn es wirklich drauf an kam, wußte man wie man lernt.


               Climie & Mastoras (2015) untersuchten die Möglichkeiten der positiven Psychologie bei der Unterstützung von Schülern mit ADHS. Sie empfehlen auch im Klassenzimmer, immer von den Stärken der Schüler auszugehen. Wenn ein Schüler wieder mal stört, weil er längst mit dem Lösen der Übung fertig ist, könnte man ihn auch für seine Schnelligkeit loben und ihn auffordern, den anderen Schülern zu helfen, anstatt ihn zu bitten ruhig zu sein und zu warten. Eine solche Intervention ermöglicht dem Schüler seine Stärken herauszufinden, soziales Verhalten zu entwickeln und seine eigene Persönlichkeit zu bewahren.


               Ein wunderbares Beispiel für die Erhaltung der Persönlichkeit und der positiven Verwertung der ADHS Symptome ist Gillian Lynne. Als Sir Ken Robinson auf der TED Konferenz 2007 für eine Reform im Bildungswesen spricht, nimmt er die Geschichte von Gillian, um den falschen Umgang mit dem Mythos ADHS zu beschreiben. Gillian ist bekannt geworden durch die Choreographie in den Musicals Cats und Phantom der Oper. Sie wurde 1926 in England geboren und gilt heute als eine der bekanntesten ADHS Schüler. In den 30er Jahren war ADHS noch nicht definiert und ihr Glück war es, dass der konsultierte Arzt keine Krankheit erkannt hat, sondern einen Bewegungsdrang, den es zu nutzen galt. Er empfahl Gillians Mutter die Eintragung in einer Tanzschule, wo Gillian ihren Bewegungsdrang ausleben konnte, ihre persönliche Stärke zeigen und sich als einen gleichwertigen Teil der Gesellschaft fühlen durfte. Eine Erfahrung, die man den meisten Schülern mit ADHS heute versagt bleibt.


               Es gilt ein Umdenken anzustossen, Möglichkeiten auszuprobieren und Techniken zu entwicklen, um die Stärken zu nutzen und Schülern die soziale Ausgrenzung und die Nebenwirkung der Medikamente zu ersparen.

 


Climie, E., & Mastoras, S. (2015). ADHD in Schools: Adopting a Strengths-Based Perspective. Canadian Psychology, 56 (3), 295-300.

Novotney, A. (2014). Is it really ADHD? Monitor on Psychology, 45 (4), pp. 28.

ORF, Wien (2015). Ritalin-Verschreibungen stark angestiegen. Abgerufen unter http://wien.orf.at/news/stories/2729034/

Robinson, K. (2007). Sir Ken Robinson speaks about the example of Gillian Lynne [Media File]. Abgerufen unter https://www.youtube.com/watch?v=fnzTHB2G6cE

Spiegel (2015). Ritalin: Ärzte verordnen seltener ADHS-Medikamente. Abgerufen unter http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/ritalin-gegen-adhs-aerzte-verordnen-seltener-methylphenidat-a-1030872.html.

Tagesanzeiger (2015). UNO-Kritik irritiert ADHS-Experten. Abgerufen unter http://www.tagesanzeiger.ch/wissen/medizin-und-psychologie/UNOKritik-irritiert-ADHSExperten/story/10190931