Essanfälle: Studie belegt Wirkung von Online-Therapie

Bmbf.de: Frau Hilbert, was ist Binge-Eating?

Anja Hilbert: Im Deutschen sprechen wir von Essanfällen. Erkrankte essen übermäßig viel: Sie können nicht mehr aufhören zu essen oder gar nicht erst widerstehen, damit anzufangen – es kommt zu einem Kontrollverlust beim Essen.

Was ist die Ursache dafür?

Die Ursachen sind vielfältig. Da die Essanfälle gehäuft in Familien auftreten, sind genetische Ursachen anzunehmen. Hinzu kommen psychosoziale Faktoren: Konflikte in der Familie, zu hohe Ansprüche der Eltern an ihre Kinder, Vernachlässigung, Schüchternheit – all das sind allgemeine Risikofaktoren. Diese machen allgemein anfällig für viele psychische Störungen. Darüber hinaus wurden spezifische Risikofaktoren identifiziert, wie kritische Kommentare am Essverhalten, Gewicht oder Figur, Diäthalten oder Übergewicht in der Familie. Ein kausaler Zusammenhang mit Essanfällen ist allerdings noch nicht eindeutig bewiesen, weil Längsschnittstudien fehlen.

Wie wird Erkrankten geholfen?

Anja Hilbert forscht am „Integrierten Forschungs- und Behandlungszentrum (IFB) AdipositasErkrankungen“ an der Universität Leipzig.© Stefan Straube, Universitätsklinikum Leipzig

Üblicherweise ist Psychotherapie die Methode der Wahl: Also persönliche Gespräche mit einem Psychotherapeuten. Viele aktuelle Studien belegen zudem, dass kognitive Verhaltenstherapie sehr wirksam ist.

…was kann man sich darunter vorstellen?

Viele Erkrankte berichten von situationsabhängigen Essanfällen: Stress, Müdigkeit, bestimmte Emotionen – all das kann einen Anfall auslösen. In der kognitiven Verhaltenstherapie geht es darum, diese Auslöser zu erkennen und einem Essanfall bewusst entgegenzusteuern. Grundlegend ist außerdem, das Essverhalten zu normalisieren. Dabei kann ein Ernährungsprotokoll helfen.

Sie helfen also beim Umgang mit Stress und Emotionen: Was ist noch wichtig?

Selbstakzeptanz fördern! Erkrankte haben oft ein negatives Körperbild, das mit dem krankheitsbedingten Übergewicht einhergeht. Wir helfen den Patientinnen und Patienten zu lernen, sich so anzunehmen, wie sie sind – und ihre guten Seiten zu entdecken. Ergänzend ist es wichtig, an einem gesundheitsförderlichen Bewegungsverhalten zu arbeiten.

Sie haben kürzlich in einer Studie nachgewiesen, dass mit digitalen Medien in der Therapie ähnliche Erfolge möglich sind wie mit einer Psychotherapie. Wie haben Sie das gemacht?

Die Ansätze der kognitiven Verhaltenstherapie wurden professionell in ein Online-Selbsthilfeprogramm übertragen. Studienteilnehmer konnten sich mit diesem Programm in ihrem eigenen Rhythmus selbst helfen: Sie führten beispielsweise ein Online-Ernährungsprotokoll, beantworteten Fragen zu ihrem Selbstbild und beobachteten Auslöser für Essanfälle. Dabei wurden sie per E-Mail durch einen Coach unterstützt. Eine Vergleichsgruppe ging parallel zum Therapeuten und erhielt klassische kognitive Verhaltenstherapie.

… zu welchem Ergebnis sind Sie gekommen?

Bei allen Teilnehmern kam es zu deutlich weniger Essanfällen. Dabei wirkte die kognitive Verhaltenstherapie deutlich besser und schneller. Das heißt, bei den Patienten kam es bei Behandlungsende und sechs Monate nach der Behandlung zu weniger Essanfällen. Jedoch unterschied sich die Wirksamkeit der kognitiven Verhaltenstherapie und des Online-Selbsthilfeprogramms nach eineinhalb Jahren nicht mehr. Langfristig hilft also auch die Online-Therapie sehr gut.

Sind Therapeuten also bald überflüssig?

Nein! Wie gesagt: Deutlich schnellere und bessere Erfolge bringt das persönliche Gespräch. Menschen mit einem schweren psychischen Leiden wie der Binge-Eating-Störung sollten auf jeden Fall von einem Therapeuten behandelt werden.

Für wen eignet sich die Online-Therapie besonders?

Für alle, die den Gang zum Psychotherapeuten scheuen, keinen Platz beim Therapeuten bekommen oder lange auf einen Termin warten müssen. Hier bei uns in Leipzig müssen Erkrankte häufig ein halbes Jahr auf einen Termin beim Psychotherapeuten warten – je nach Region kann das noch deutlich länger dauern. Wir wollen Erkrankten die Möglichkeit geben, diese Wartezeit sinnvoll zu überbrücken und sich selbst zu helfen.

Noch ist Ihr Programm in Deutschland nicht verfügbar. Woran liegt das?

Leider erstatten die Krankenkassen die Kosten solcher Internetprogramme noch nicht. Wir hoffen aber, dass wir mit unserer Studie diesbezüglich zum Nachdenken angeregt haben: Digitale Medien spielen zunehmend eine wichtige Rolle in der Medizin. Darauf muss sich das Gesundheitssystem künftig einstellen.